Beispiel-Szenario Gesundheitswesen · 7 Min. Lesezeit

Radiologische Praxis: KI-Diagnostik unter MDR + EU AI Act

Eine radiologische Praxis setzt KI-gestützte Bildbefundung ein. MDR ist etabliert, der EU AI Act kommt neu dazu. Wie eine saubere Doppelregulierung aufgebaut wurde.

Branche
Gesundheitswesen
Größe
22 Ärzte, 35 MTRA, 4 Standorte
Projektdauer
10 Wochen
Leistungen
5
Veröffentlicht 21. April 2026 · Beispiel-Szenario
Beispiel-Szenario: Dieser Fall ist ein realistisch konstruiertes Szenario und beschreibt kein konkretes Kundenmandat. Er zeigt, wie wir eine solche Konstellation fachlich angehen würden. Echte anonymisierte Mandate aus unserem Kundenstamm finden Sie unter Compliance-Herkunft.

Ausgangslage

Der Mandant ist ein mittelgroßer radiologischer Versorger in Nordrhein-Westfalen mit vier Standorten, 22 Radiolog:innen und 35 medizinisch-technischen Radiologieassistent:innen. Seit 2024 werden zwei KI-gestützte Befundungssysteme eingesetzt — eines für die Mammographie-Screening-Befundung (CE-zertifiziert, MDR Klasse IIb), eines zur Priorisierung in der Notfallradiologie (CE-zertifiziert, Klasse IIa).

Die MDR-Konformität der eingesetzten Systeme war durchweg sichergestellt — die Anbieter hatten ihre Hausaufgaben gemacht. Offen war die Frage: Welche Pflichten treffen die Praxis als Betreiber nach EU AI Act, insbesondere nachdem Art. 4 (KI-Kompetenzpflicht) seit Februar 2025 gilt und die Hochrisiko-Vorschriften im August 2026 scharf werden?

Herausforderung

Die Kernherausforderungen in diesem Mandat waren ungewöhnlich komplex, weil drei Regelwerke gleichzeitig relevant sind:

  • MDR + AI Act Doppelregulierung: Die KI-Systeme sind zugleich Medizinprodukte (MDR) und Hochrisiko-KI. Als KI-Sicherheitskomponenten CE-pflichtiger Medizinprodukte fallen sie über Art. 6 Abs. 1 i.V.m. Anhang I EU AI Act in die Hochrisiko-Kategorie (nicht über die Anhang-III-Liste). Beide Regelwerke haben eigenständige Dokumentations-, Monitoring- und Meldepflichten — teils redundant, teils ergänzend.
  • Unklare Betreiber-Pflichten: Während Anbieter-Pflichten in der MDR-Welt gut dokumentiert sind, war unklar, welche AI-Act-Pflichten die Praxis als Betreiber konkret trifft (Art. 26).
  • Ärzte-Haftung: Eine Falschbefundung kann ärztliche Haftung auslösen. Die Frage der menschlichen Aufsicht (Art. 14 AI Act) wurde intensiv diskutiert — wie weit darf/muss sich der Arzt auf die KI verlassen?
  • Patienteninformation: Bei der Mammographie-KI stellte sich die Frage, ob Patientinnen aktiv über den KI-Einsatz informiert werden müssen (Art. 50 AI Act Transparenzpflicht) und wie der Aufklärungsbogen anzupassen ist.
  • DSGVO-Schnittstelle: Die KI verarbeitet besonders sensible personenbezogene Daten (Gesundheitsdaten, Art. 9 DSGVO). Koordinierte Folgenabschätzung DSFA + AI-Folgenabschätzung war erforderlich.

Unser Vorgehen

Das Mandat lief über 10 Wochen parallel zum Praxisbetrieb. Als externer KI-Beauftragter wurde ein DATUREX-Mitarbeiter mit medizinprodukte-spezifischer Qualifikation benannt; als interner Counterpart fungierte die Qualitätsmanagement-Beauftragte der Praxis.

Woche 1–2: Regulatorische Kartierung. Gemeinsam mit der QM-Beauftragten und dem Datenschutzbeauftragten wurde ein Regulierungs-Matrix erstellt, die für jedes KI-System die Pflichten aus MDR, AI Act, DSGVO und Patientenrechtegesetz gegenüberstellt. Ergebnis: klare Abgrenzung, was Anbieter-Pflicht ist (und damit abgedeckt) und was die Praxis selbst leisten muss.

Woche 3–4: KI-Folgenabschätzung nach Art. 27. Da die Praxis als privater Gesundheitsversorger öffentliche Dienste erbringt, wurde eine formale KI-Folgenabschätzung für beide Systeme durchgeführt (nach unserem 7-Schritte-Vorgehen). Parallel wurde die DSFA nach Art. 35 DSGVO aktualisiert. Beide Dokumente wurden integriert erstellt, mit klaren Querverweisen.

Woche 5–6: Menschliche Aufsicht formalisieren. Die kritischste Arbeit: Wie bewerten die Ärzte KI-Befunde? Welche Vier-Augen-Prüfung greift? Wann wird ein KI-Vorschlag überstimmt? Es wurde ein internes Protokoll entwickelt, das für jedes System eindeutige Entscheidungsregeln dokumentiert. Bei der Mammographie etwa: KI-Markierungen sind Hinweise, nie Diagnosen; jede Markierung wird vom befundenden Arzt explizit bestätigt oder widerlegt, beides dokumentiert.

Woche 7–8: Patientenkommunikation und Aufklärung. Die Aufklärungsbögen wurden um einen KI-Absatz erweitert (in einfacher Sprache, MDR-konform formuliert). Patientinnen bei der Mammographie erhalten jetzt aktiv die Information, dass ein KI-System den Befund unterstützt — mit expliziter Opt-out-Möglichkeit, die im QMS dokumentiert ist.

Woche 9: Schulungen Art. 4. Alle 22 Ärzte und 35 MTRAs durchliefen eine 120-Minuten-Schulung mit medizin-KI-spezifischem Modul (Halluzinationsrisiken, Bias bei unterschiedlichen Patientengruppen, Grenzen der Trainingsdaten). Die Schulung wurde dokumentiert und in das QMS-Register aufgenommen.

Woche 10: Governance und Monitoring. Abschluss mit einer praxisangepassten KI-Governance-Richtlinie, definierten Monitoring-Kennzahlen (Übereinstimmungsrate KI vs. ärztliche Entscheidung, Vorfälle, technische Updates) und einem quartalsweisen Review-Rhythmus.

Ergebnis

Nach 10 Wochen war die Praxis auf eine saubere MDR-plus-AI-Act-Doppelregulierung umgestellt:

  • Integrierte Dokumentation MDR + AI Act + DSGVO statt dreier paralleler Dokumentensätze — Aufwandsreduktion gegenüber Silo-Ansatz ca. 35 %.
  • Dokumentiertes Aufsichtsprotokoll für beide KI-Systeme — wird seit Implementierung in 100 % der Befundungen gelebt.
  • Patienteninformation aktualisiert — erste Evaluation nach drei Monaten zeigte: weniger als 0,5 % der Patientinnen haben einen Opt-out genutzt, Fragen zur KI-Nutzung werden von den MTRAs routiniert beantwortet.
  • Ein Verdachtsfall im Monitoring (Diskrepanz KI vs. Arztbefund) wurde innerhalb von 24 Stunden aufgeklärt — die dokumentierte Eskalationskette funktionierte sauber. Patientin wurde erneut befundet, kein klinischer Schaden.
  • Reviewzyklen etabliert: monatlicher Compliance-Report, quartalsweise KPI-Review, jährliche Aktualisierung der Folgenabschätzung und der Schulungen.

Die laufende Betreuung kostet jetzt ca. 7.200 Euro pro Jahr (Paket L individualisiert, enthält eine KI-Folgenabschätzung pro Jahr) — bei einem geschätzten Haftungs-Risikokontingent im sechs- bis siebenstelligen Bereich pro potenziellem Schadensfall.

Was daraus gelernt wurde

Das wichtigste Learning aus diesem Mandat: MDR und EU AI Act sind keine konkurrierenden, sondern komplementäre Regelwerke. MDR regelt das Produkt, AI Act regelt den Einsatz — beide zusammen ergeben ein stimmiges Bild. Wer beides als separates Compliance-Projekt aufsetzt, verliert Zeit und schafft inkonsistente Dokumente.

Für Kliniken und Praxen mit KI-Einsatz ist der praktische Einstieg meist die Unterscheidung: Welche Systeme sind CE-zertifiziert (dann liegt der Großteil der Anbieter-Pflicht beim Hersteller) — und welche Betreiber-Pflichten greifen bei uns? Oft ist die Lücke bei Art. 4 Schulung, Art. 14 menschliche Aufsicht und Art. 50 Patientenkommunikation.

Wer eine ähnliche Konstellation hat — die branchenspezifische Service-Seite zum Gesundheitswesen beschreibt typische Einsatzfelder und Risiken, die wir im Mandatsrahmen adressieren. Der Einstieg beginnt mit einem kostenlosen 15-Min-Erstgespräch.

Eingesetzte DATUREX-Leistungen
  • Externer KI-Beauftragter
  • KI-Folgenabschätzung
  • KI-Dokumentation
  • KI-Schulungen
  • KI-Governance

Beispiel-Szenario: konstruierter, realistischer Fall zur Veranschaulichung unseres Vorgehens — kein konkretes Kundenmandat. Unternehmensangaben und Kennzahlen sind illustrativ.

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